Interview mit Lama Tsultrim

Wie sieht für dich ein gutes Leben aus buddhistischer Sicht aus und insbesondere im Vajrayana-Buddhismus?

Ein gutes Leben ist ein Leben, das zum Wohle der anderen wirkt und das auf Bodhicitta beruht. Ein gutes Leben bedeutet auch Weisheit (prajna) zu entwickeln und die eigenen Verdunklungen durchzuarbeiten.

Lama, Du hast Dich zeitlebens sehr engagiert, den tibetischen Buddhismus für Menschen aus dem Westen und vor allem auch für Frauen zugänglich zu machen. Dabei schafftest du es selbst immer wieder neu, den Dharma und dein Leben als Lehrerin, als Frau und Mutter (mittlerweile Großmutter) zu verbinden. Was würdest Du sagen, kann der Buddhismus den Menschen in der heutigen Zeit geben?

Es gibt verschiedenen Ebenen in dieser Frage und auch, wie man diese Frage beantworten kann. Auf einer eher sekulären Ebene nutzt man Achtsamkeit z.B., um Basketballteams zu Siegern zu machen. Achtsamkeit wird mittlerweile für die unterschiedlichsten weltlichen Dinge eingesetzt, was in gewisser Weise nicht wirklich etwas mit Buddhismus zu tun hat. Wenn Menschen sich in Achtsamkeit üben, werden sie besser in allem, was sie tun. Sie werden aber auch mitfühlender, geduldiger und ruhiger. Das findet auf einer eher äußeren Ebene statt. Wenn du es dann tiefer anschaust – unsere Welt läuft so beschleunigt und ist so chaotisch, da ist die Umweltverschmutzung und die globale Erwärmung usw. Ein/e Praktizierende/r zu sein, gibt dir Möglichkeiten an die Hand, damit zu arbeiten, besonders der Vajrayana-Buddhismus ist bekannt dafür, dass man schwierige Emotionen mit verschiedenen Upayas, den geschickten Mitteln, die eben im Vajrayana entwickelt wurden, durcharbeitet.

Mit dem „Dämonen füttern“ hast du eine Praxis entwickelt und bekannt gemacht, die dazu beiträgt, einen Weg aus dem persönlichen Leid zu finden und es zu transformieren.

Worum geht es bei dieser Praxis?

Muss man BuddhistIn sein, um sie anzuwenden?

Ich schrieb das Buch “Die eigenen Dämonen nähren“ absichtlich für ein breites Publikum. Die Praxis kommt aus der buddhistischen Tradition, sie ist sozusagen darin eingebettet. Du würdest es nicht merken, wenn man es dir nicht sagt. Mein Anliegen war, dass die Praxis zum Wohle aller sei.

Wodurch wirkt sie so effektiv?

Sie hilft, die Schattenaspekte der Psyche auf eine sehr spezifische Art zu artikulieren. Es gibt viele Methoden aus der Psychologie, die mit dem Schatten und auch mit den Unterpersönlichkeiten arbeiten. Man kann auch die Dämonen als eine Art Unterpersönlichkeiten betrachten. Aber das Spezifische an „Die Dämonen nähren“ ist, dass man mit dem Schattenaspekt arbeitet und diesen mit dem eigenen, in Nektar verwandelten Körper nährt. Dadurch findet ein Prozess statt, in dem das Ego aufgelöst wird, die eigentliche Dämonenenergie, dadurch, dass man seinen eigenen Körper auflöst.

Außerdem ist dann da noch der Verbündete – der Dämon, der zum Verbündeten wird. Es ist also nicht so, dass Du den Schattenenteil triffst und dann damit stirbst – die Energie, die den Dämon ausmacht, wird zum Verbündeten und das ist sehr ungewöhnlich.

Diese Praxis beruht auf der uralten Tradition des Chöd, des „Durchschneidens“, begründet durch die tibetische Meisterin Machig Labdrön. Was ist das Bindeglied zwischen „Die Dämonen nähren“ und Chöd?

Die Dämonen nähren“ ist Chöd im westlichen Gewand, in dem Sinne, dass es in vieler Hinsicht ähnlich ist in Verbindung mit Methoden aus der westlichen Psychotherapie, wie das Plätze tauschen aus der Gestalttherapie, es gibt ähnliche Aspekte wie in der Psychosynthese oder aus der Jungschen Psychologie u.a. Dann gibt es die Verbindung zum Chöd, weil man den Körper den Dämonen als Nektar darbringt. Das ist die Essenz der Chöd-Praxis, auf diese Weise wird der Dämon der Anhaftung an das Ego( einer de4r 4 Dämonen, die Machig Labdrön benannt hat, Anm. der Übersetzerin) überwunden.

Wer war Machig Labdrön und was hat dich an dieser Frau inspiriert?

Ich finde und fand Machig immer schon inspirierend, weil sie eine Mutter war. Sie meisterte Schwierigkeiten als weibliche Praktizierende in einer patriarchalen Tradition, sie wurde von den Pandits aus Indien auf die Probe gestellt. Die Tatsache, dass sie eine Linie gegründet hat als Frau, alle anderen Linienbegründer waren männlich. Und die Frauen generell – nicht alle, aber viele der Frauen, die wir als große Praktizierende in Tibet kennen, waren deshalb bekannt, weil sie die Gefährtinnen eines großen Mannes waren wie z.B. Yeshe Tsogyal von Padmasambhava. Dies schmälert ihren Wert in keiner Weise. Aber es ist ziemlich einmalig, dass Machig Labdrön eine solch hohe Verwirklichung erlangte und selbst gleichzeitig eine Linie begründete, ohne die Gefährtin eines berühmten Mannes zu sein.

Und es ist ein sehr persönliches Gefühl, das mich mit ihr verbindet, in dem Sinne, dass sie großen Herausforderungen begegnete, besonders in der Zeit, als sie ihre Nonnengelübde zurück gab und als sie Kinder bekam, das war wirklich eine harte Zeit für sie, aber sie blieb beharrlich.

Da ist dann noch die Tatsache, dass sie sich über Tara mit ihrer eigenen weiblichen Linie verband. Sie hatte eine Vision von Tara, die ihr erschien und ihr mitteilte, dass ihre eigene Linie mit Prajna Paramita verbunden sei. Dadurch wurde (die Qualität von) Prajna Paramita in Machig aktiviert und diese wiederum wurde in Tibet als schwarz-blaue Dakini aktiviert und das ist sie(selbst)!

Mir scheint, dass Frauen eine Linienzugehörigkeit brauchen, sie tendieren dazu, sich als minder zu bewerten und sich selbst nicht als wirklich wertvoll zu erachten. Als Tara zu Machig kam und sagte:“ Die Vergangenheit wurde aus Deinem Herzen ausgelöscht, lass mich dir sagen, wer du wirklich bist“, gab ihr dies das nötige Selbstvertrauen, damit sie danach ihren Platz einnehmen konnte.

Was mich außerdem noch an Machig inspiriert, ist ihre visionäre Fähigkeit, sie war eine wirkliche Visionärin und viele der Praktiken, die sie lehrte, kommen aus ihren Meditationserfahrungen.

2007 wurdest du auf einer Tibetreise in Zangri Khangmar (Machigs Kloster in Tibet) als ihre Emanation  anerkannt und du hast dir zur Lebensaufgabe gemacht, die Belehrungen von Machig Labdrön für Menschen im Westen lebendig werden zu lassen. Wo stehst du heute mit dieser Aufgabe?

Inzwischen gibt es zwei Praxislinien, die wir in Tara Mandala(dem Zentrum von Lama Tsültrim Allione in Colorado, USA )lehren. Zum einen gibt es das Dzinpa Rangdröl, einen Terma-Zyklus, den der tibetische Meister Do Khyentse von Machig Labdrön und ihrem Lehrer Padampa Sangye (übertragen) bekam. Das ist ein 10-Jahresprogramm für engagierte Praktizierende.

Zudem wurde die Magyu-Linie begründet, die aus sogenannten Kama-Praktiken, der mündlichen Überlieferung, besteht und aus Praktiken, die ich in diesem Leben entwickelt habe.
Im nächsten Jahr wird es die erste internationale Chöd-Konferenz vom 12.-16. Juli 2017 geben. Unser Anliegen ist es, Gelehrte und Praktizierende aus der ganzen Welt zusammen zu bringen, ein noch nie da gewesenes Ereignis und herauszufinden, was die Erkenntnisse eines jeden sind. Es soll dazu dienen, dass die Leute das teilen und voneinander lernen können.

Und dann ist mir wichtig, den Ort Tara Mandala in Colorado weiter zu festigen und zu entwickeln, jenen Ort, der wirklich der Sitz all dieser Praktiken ist.

Die Fragestellungen und Probleme heute sind vielfältig und extrem komplex. Gibt es von Dir eine Empfehlung, welche Haltung wir einnehmen können angesichts des Leids, das durch Krieg und andere Katastrophen verursacht wird?

Ich denke nicht, dass heute irgendetwas anders ist als früher in Bezug auf das (die Qualitäten), was wir entwickeln sollten. Wir sollten Mitgefühl und geschickte Mittel entwickeln. Man kann sich vorstellen, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein und gleichzeitig sollten wir nicht mehr Aufgaben übernehmen, als wir tatsächlich bewältigen können. So, dass wir wissen, dass es die geschickten Mittel sind, wenn wir erkennen, was wir tatsächlich tun können und wie gut wir es tun können(z.B.) in Bezug auf die Flüchtlingsfrage und nicht nur das – es gibt so viele Felder wie Epidemien usw.

Also reale fachliche Kompetenzen zu entwickeln kann hilfreich sein, Kompetenzen wie Ausbildungen und Arbeit usw, die wirklich nützlich sind. Rechter Lebensunterhalt ist wichtig. Und gleichzeitig (sollten wir)tiefe Meditation üben, die Einsicht von Leerheit, von der Natur der Realität und Mitgefühl(entwickeln).

Ich denke, dies ist eine schwierige Zeit, es fühlt sich alles so unkontrollierbar an und so verrückt und zugleich sind die Lösungen nicht wirklich anders, als sie früher waren.

Danke!

 

Das Gespräch mit Lama Tsültrim Allione führte Ulrike Jaklin

2016-11-30T17:51:41+00:00